Teil 9: Ich bin die NSA

Teil 9: Ich bin die NSA

Auf der Website von „Find my iPhone“ kann man die eigenen Geräte finden. Übrigens nicht nur iPhones, auch Macs und iPads, … Man kann an einzelne Geräte auch ein Signal schicken, falls man es z.B. in der Wohnung verlegt hat, sollte man aufgrund des lauten Signaltons das Gerät finden. Für den Fall, dass ein Gerät verloren geht oder gestohlen wird, ist eine Löschfunktion eingebaut. Man kann also sein Telefon aus der Ferne löschen. Komplett. So zumindest die Theorie.

In der Praxis hat man mir nun geraten, eben dies mit dem holländischen Telefon „Graman“ zu machen. Fernlöschen. Klingt ja ganz gut, so hat der Dieb wenigstens nicht meine Daten, aber Moment! Mein Telefon wurde ja nicht gestohlen. Im Gegenteil, es wurde ordnungsgemäß verkauft. Ganz legal. Man versetze sich einmal in die Lage dieses (oder dieser) „Graman“: Man kauft ein Telefon, freut sich, benutzt es tagelang und plötzlich wird aus dem Nichts ohne ersichtlichen Grund alles gelöscht. Na, vielen Dank auch.

Ich hab das auch der freundlichen Dame von Apple so ungefähr erzählt, sie sah das auch ein, aber – zu ihrem Bedauern – auch keine andere Möglichkeit. Ich sollte Graman löschen. Gnadenlos. Und ich tat es. Ich hab ein fremdes Telefon von meinem Wohnzimmer aus gelöscht. Einfach so. Wie Big Brother. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Graman war verschwunden.

Nach fünf Minuten war Graman wieder da. Dafür war mein schlechtes Gewissen weg. Es hatte nichts gebracht. Ein iPhone 3GS lässt sich nicht in fünf Minuten wieder einrichten, so schnell ist der verbaute Prozessor gar nicht, es war klar, es hatte nicht funktioniert. Ich hab’s mehrmals wiederholt (das schlechte Gewissen war ja wieder verflogen), Graman tauchte immer wieder auf. Apple meinte dazu, ich müsste warten, wegen dem Wartungszustand. Also wartete ich. Und wartete.

Beim Warten wird einem fad und man kommt auf blöde Ideen. Also ich zumindest. Ich hab mir gedacht, wer oder was ist dieses Graman? Und wieviel kann man mit ganz normaler, völlig legaler Recherche über jemanden herausfinden, von dem man nur den Handystandort weiß. Sie wissen schon, von wegen „Wer nichts zu verbergen hat, macht mir Angst.“

In ein paar Wochen hab ich rausgefunden, dass Graman nicht nur in Leiden unterwegs ist, sondern auch in Den Haag. Besser gesagt, ab Ferienende war Graman in Den Haag. Über die Adresse und Street View hab ich rausgefunden, dass sich dort unter anderem die Zentrale einer Kinderbetreuungsorganisation befindet. Und zig andere Unternehmen. Die Ortung ist ja nur ungefähr, das heißt, es kann alles mögliche sein. Eventuell sitzt Graman nur zufälllig im Café nebenan. Drei Tage später war Graman in Venlo, ein Ort an der holländisch-deutschen Grenze. Genauer gesagt in einem Kindergarten. Voila – schon hat man ein Muster. Nur mit Google Maps, Google Street View und ein bisschen Suchen im Internet.

Nun kann man sich ganz gut ausmalen, was mit entsprechenden Mitteln noch alles möglich ist. Und wie schnell so ein „Muster“, dem man entspricht, auch falsch sein kann. Vielleicht war Graman in Den Haag tatsächlich nur in einem Café hat in Venlo die Schwester besucht, die ihre Tochter vom Kindergarten abgeholt hat. Nicht unrealistisch, nur viel unwahrscheinlicher. Geschichten mit  Muster gefallen uns einfach viel besser. Und  wahrscheinlich nicht nur uns. Gestatten Sie mir die Frage: Schwindet das Gefühl, dass Sie nichts zu verbergen haben schon?

Zurück zum iPhone. Da ich nicht erkennen konnte, dass sich an der Situation irgendetwas ändert, musste ich lästig werden. Wie, lesen Sie in Teil 10.

 

(Wenn Sie wissen wollen, wie alles angefangen hat, beginnen Sie am besten bei Teil 1…)